Retro 05

Der punker-Jahresrückblick

von Hans-Jürgen Fuchs

Sylvester, Neujahr, Zeit auch für Jahresrückblicke. Was war, was bleibt uns (zum Teil leider) erhalten? Der punker blickt natürlich auf das zurück, was uns in Rohrbach im vergangenen Jahr bewegte. Und da ist festzustellen: 2005 stand für Rohrbach vor allem im Zeichen der langen Leitungen!

 

Gasrohr in Frontalansicht

Lange Leitung 1:
Die Gasleitung

Da ist zunächst die geplante Gasleitung, die näher gerückt ist. Da halfen keine noch so illuster besetzten Begehungen, keine punker-Unterschriftensammlung, keine noch so intensive Lobbyarbeit. Und schon gar keine Argumente. Die Gegenseite hatte es da einfacher. Obwohl sie teilweise mit offenen Unwahrheiten agierte, betrachtete es die Leitung der „Anhörung“ genannten Veranstaltung offensichtlich als ihre Aufgabe der 15-20-köpfigen Phalanx der Gasproms die Bälle zuzuspielen. Nun wird das Planfeststellungsverfahren wohl mit der Feststellung abgeschlossen werden, das die lange Gasleitung leider notwendig ist um unsere Energieversorgung sicher zu stellen. Was juckt es da, dass selbst die Gasversorger Süddeutschland (GVS) die vorhandenen Kapazitäten absolut für ausreichend halten und den Gasmultis vorwerfen, die neue Pipeline sei nur zur füllen, wenn zusätzlich neue Zuleitungen aus Iran, Irak und Russland gebaut würden.

Die Strategie der Gasproms setzt auf einen massiven Anstieg des Gasbedarfs, vor allem für den Ausbau von Kraftwerkskapazitäten. Der Bau der süddeutschen Erdgasleitung ist Teil einer „transeuropäischen Strategie”. Was aufscheint ist das Bild eines Europa überspannenden transnationalen Spinnennetzes. Die Gasversorger treiben eine höchst zentralisierte, anfällige Monstertechnologie voran. Und auch wer noch Illusionen hat, Gas könne ein fast-alternativer, umweltfreundlicher Energieträger sein, wird eines Besseren belehrt werden: Gaskraftwerke blasen zwar etwas weniger Kohlendioxyd in die Atmosphäre als kohle- oder ölbetriebene Kraftwerke, aber weniger ist nicht nur in diesem Falle immer noch viel zu viel.

Von den Quellen, die in so illustren Demokratien wie dem Iran, dem Irak oder Russland liegen, über die Wege, die quer durch den Nahen Osten oder die letzten europäischen Despotien wie Weißrussland gehen, bis ans Ziel, dem Verbraucher, der keine andere Wahl hat, als mit undurchschaubaren Preisen die unglaublichen Profite der Multis zu finanzieren: Die SEL, E·on und ihre Schwestern, ist eine Konstruktion, die das genaue Gegenteil einer Energieversorgung ist, die auf Zukunftsenergien und Unabhängigkeit von unkalkulierbaren Lieferanten setzt. Es ist an der Zeit, die Risiken der Gasindustrie ähnlich zu diskutieren, wie die der Atomenergie. Auch wenn es hier weniger technische Szenarien sind, die uns beunruhigen als wirtschaftliche, soziale und politische. Gasprom hat in Russland gezeigt, dass es auf eine „gelenkte“ Demokratie setzt. Das gilt es hier zu verhindern. Nicht nur aber auch deshalb hinterlässt der Wechsel von Gerhard Schröder in die Multi-Etagen einen schalen Geschmack: Rechtlich unbedenklich, moralische ein Skandal.
Uns hier in Rohrbach hat das Verfahren, das die Gasleitung näher bringt, Einblicke ermöglicht in den lächelnden, emotionslosen Apparat auf der dunklen Seite der Macht ...

Haltestelle Rohrbach Markt

Lange Leitung 2:
Umbau am Rohrbach Markt

Eine andere lange Leitung machte uns 2005 zu schaffen. Ich meine die einiger Gewerbetreibenden am Rohrbach Markt. Eigentlich war ja im April 2005 nach jahrelangen Diskussionen alles beschlosssene Sache. Da aber einer Reihe von Gewerbetreibenden am und um den Rohrbach Markt in allerletzter Minute aufgefallen war, dass in Heidelberg manchmal auch Projekte realisiert werden könnten, musste der Bezirksbeirat ein weiteres mal antreten. In der von OB Beate Weber selbst geleiteten Veranstaltung ging es heiß her. Und die Wahrheit hatte auch hier einen schweren Stand. Am Ende stand ein Kompromiss, der vorsieht, den Umbau in der vorgesehenen Weise zu realisieren, aber das Abbiegen von Leimen kommend weiterhin zu ermöglichen. Allerdings soll der Autoverkehr auf den Gleisen der Straßenbahn geführt werden und die Zone durch Aufpflasterungen und andere bauliche Maßnahmen als Wohn- und Einkaufsbereich gekennzeichnet werden. Ziel ist es, dadurch zu einer entscheidenden Verkehrsberuhigung zu kommen. Zudem sollen 6 Monate nach der Freigabe des Platzes Zählungen stattfinden, wie viel des dann noch anfallenden Verkehrs tatsächlich Ziele in Rohrbach und am Rohrbach Markt ansteuert. Diese Informationen sollen dann in (öffentlicher) Sitzung im Bezirksbeirat diskutiert werden.

Rohrbach Markt wird also umgebaut, die breite Fußgängerfurt zwischen West und Ost wird realisiert, der gesamte Bereich von der Karlsruher Straße bis zur Tankstelle wird einbezogen, die Straßenbahnhaltestelle wird an den früheren Platz, vor die Geschäfte am Rohrbach Markt verlegt. Dadurch entsteht im Westen eine größere zusammenhängende Platzfläche, die mit Bäumen etc. aufgewertet und gegen den Verkehr auf der B3 abgeschirmt werden soll. Der Autoverkehr wird deutlich verlangsamt. Auf der Karlsruher Straße wird es keine Abbiegespur mehr geben. Ein Einfahren in den Rohrbach Markt ist nur noch auf der Straßenbahntrasse möglich, d.h. hinter den Bahnen. Die Fußwege werden deutlich breiter, Möglichkeiten für die Geschäfte eröffnen sich, Tische u.ä. rauszustellen. Die Aufenthaltsqualität wird insgesamt entscheidend erhöht.

Mehr zum Umbau am Rohrbach Markt ...

Luftbild Melanchtonkirche und Umfeld

Um dieses Gelände geht es (19=Melanchthonkirche)

Lange Leitung 3:
Die Evangelische Stadtsynode und ihre Schäfchen in Rohrbach

Auch eine lange Leitung hatte die Evangelische Stadtsynode Heidelbergs. So lang jedenfalls, dass sie droht, den Draht zu ihren südlichen Schäfchen gänzlich zu verlieren. Dabei hätte es Grund zu vorsichtigem und offenen Umgang mit den Rohrbachern genug gegeben: Schließlich war Dekan Bauer nicht umhin gekommen, sich im Rahmen einer Gemeindeversammlung beim scheidenden Pfarrer Anzinger zu entschuldigen. Mit der Aufgabe, lange Zeit Rohrbach-Ost und die Südstadt zu betreuen, habe die Synode ihre Fürsorgepflicht gegenüber Anzinger verletzt. Die Gewichte in Rohrbach seien dadurch „strukturell stark verändert worden”. Dass das nicht nur Pfarrer Anzinger das Leben schwer machte, sondern auch die Gemeinde insgesamt belastete, erwähnte Bauer nicht. Auch ging er mit keinem Wort auf eine Unterschriftensammlung ein, mit der der Vorsitzende des Liederkranz, Hans Eger, eine Gemeindeversammlung hatte einberufen lassen wollen, in der über die Stimmung in der Gemeinde hätte diskutiert werden sollen. Stattdessen präsentierte man den staunenden Anwesenden in zwei Gemeindeversammlungen Konzepte für einschneidende Veränderungen in Rohrbach. Es müsse massiv gespart werden, hieß es, die Kirche müsse sich von vielen Immobilien trennen. Das Motto der Stunde laute „Konzentration” auf weniger Orte.

Das was Bauer und der Baubeauftragte Simon in der ersten Sitzung vorschlugen ließ die Emotionen hoch kochen: Die Kirche solle sich von einem großen Teil ihres Geländes und Gebäudebestands an der Melanchthonkirche trennen, u.a. vom jetzigen Kindergarten und Gemeindezentrum, und dafür das seit langem leer stehende sogenannte „Filusch-Haus” direkt neben der Kirche kaufen und renovieren. Hier würden dann der Kindergarten und ein kleines Gemeindezentrum ihren Platz finden. Realisiert werden solle das Projekt noch 2006, denn die Zustände in den Kindergärten seien nicht mehr akzeptabel. Auf dem verkauften Gelände (ca. 2.000 qm) könnten Eigentumswohnungen, Reihenhäuser und eine Tiefgarage entstehen.
Genauso viel Zündstoff dürfte ein weiteres Projekt, das Bauer vorstellte, bieten. Er schlug vor, mittelfristig Gemeindezentrum und Kindergarten in der Heinrich-Fuchs-Straße/Lindenweg zu verkaufen und dafür in der Baden-Badener-Straße beim Seniorenzentrum neu zu bauen. Für die Gebäude in der Fuchs-Straße seien nicht akzeptable Renovierungskosten notwendig.

Verkauf eines Filetstück im Zentrum Rohrbachs und neu bauen an der Peripherie, auf einem Gelände, das der Kirche gar nicht gehört, sondern der Pflege Schönau? Die „Bauanfragen“ der Stadtsynode sind keine rein innerkirchliche Angelegenheit.  Würden die Projekte realisiert, als Vollversion oder abgespeckt, so brächte das massive Eingriffe auch in das Ortsbild, vor allem am Heiligenhaus. Deshalb muss der evangelischen Zentrale klar sein, dass sie auch auf außerkirchlichen Widerstand treffen wird, wenn sie den alten Kern Rohrbachs mit Reihenhäusern und Tiefgaragen schmücken will. Und auch innerkirchlich tut sich Bauer keinen Gefallen, wenn er meint mit Hinweis auf quasi naturgesetzliche Notwendigkeiten eine Entscheidung in seinem Sinne herbeiführen zu können.

Dekan Bauer und Manfred Simon sollten auch nicht versuchen, die Gemeindeteile in Rohrbach-West und -Ost gegeneinander auszuspielen. Auch in der zweiten Gemeindeversammlung konnten sie keine Kostenplanungen vorlegen. So könnte es passieren, dass ein für Rohrbach-Ost akzeptabler Vorschlag zur Folge hätte, dass für die Renovierung der Fuchs-Straße keine Mittel mehr zur Verfügung stünden und deshalb nur noch ein Verkauf bliebe. Das aber kann nicht sein. Wenn schon die Zeit gekommen ist für grundsätzliche Entscheidungen, dann bitte für die gesamte Gemeinde. Es muss eine Lösung gefunden werden, die für die Gemeinde insgesamt akzeptabel ist, in Ost und West. Eine Lösung zudem, die dem Ortsbild nicht schadet – und die Kirche im Dorf lässt.

Jenseits langer Leitungen ...

Bereits im Januar starb Karl Heinz Frauenfeld, der langjährige Vorsitzende des Stadtteilvereins, der den alteingesessenen Rohrbachern Jahrzehnte lang als der Vertreter des Stadtteils galt. Frauenfeld prägte das Bild Rohrbachs entscheidend mit, seiner Initiative und tatkräftigen Mitarbeit ist u.a. das Heimatmuseum zu verdanken. Karl Heinz Frauenfeld ist zudem Autor mehrerer Schriften zur Geschichte Rohrbachs, u.a. des Buches „Rohrbach im Wandel der Zeit“.

Im Sommer verließ Pfarrer Herbert Anzinger Rohrbach. Der Abschiedsgottesdienst und der anschließende Empfang machten einmal mehr deutlich, welche Lücke er hinterläßt. Noch ist kein(e) Nachfolger(in) gefunden. Der Gemeinde ist zu wünschen, dass der Interimszustand bald beeendet ist.

Mit einem Festakt und einem Unfall, der zum Glück glimpflich ausging, wurde im September die Nordumgehung Leimen eröffnet. Ein Segen für die verkehrsgeplagte Nachbarstadt – aber auch ein Stück Natur weniger im eh schon völlig zersiedelten Heidelberger Süden.

Ebenfalls eröffnet wurde das Bethanien-Lindenhof-Seniorenwohnheim im Quartier. Vor einigen Jahren hatte es heftige Auseinandersetzungen um den dort früher einmal geplanten Park gegeben. Der „Kompromiss“: Ein kleines Eckchen an der Heinrich-Fuchs-/Fabrikstraße. Nun auch noch mit Mauer drum herum. Nix mit Piazzettalösung.

Der Ausbau des Quartier schreitet im Übrigen mit Riesenschritten voran. Die Stimmung scheint gut, die Gebäude sind städtisch dicht gebaut, aber angenehm. Einzig die merkwürdige Art der Nichtintegration der erhalten gebliebenen Mauern der alten Fuchsschen Werkshallen macht ein bisschen wehmütig ob der vertanen Chancen.

punker `05

Die geplante Gasleitung beschäftigte den punker praktisch das ganze Jahr über. Schon im Januar besuchten der Stadtteilvereinsvorsitzende Bernd Frauenfeld und Hans-Jürgen Fuchs vom punker die Regierungspräsidentin in Karlsruhe. Wir brachten unsere Einwände vor und luden Frau Hämmerle nach Rohrbach ein. Ebenfalls im Januar fand eine Begehung der geplanten Trasse mit Bürgermeister Würzner, Bernd Frauenfeld und dem Winzer Clauer vom Dormenacker statt. Am 25. April folgte der Besuch der Regierungspräsidentin. Ein Bild vor Ort machten sich auch die Oberbürgermeisterin Beate Weber und viele Stadt- und Bezirksbeiräte. Die Gasproms ließ das unbeeindruckt: Sie beantragten die Rohrbacher Variante trotzdem. Der punker sammelte und übergab 426 Einsprüche gegen die Gasleitung. Im Juli folgte schließlich die letzte Begehung. Eingeladen hatte diesmal der Heidelberger CDU-Landtagsabgeordnete und Gemeinderat Werner Pfisterer. Gekommen war u.a. der Minister für den ländlichen Raum, Peter Hauk.

Ja, und dann gab es noch jene unsägliche Veranstaltung, die „Anhörung“ genannt wurde. Aber dazu ist das Nötige bereits gesagt.

Unterschriftensammlung des punker gegen die Erdgasleitung

Zum Glück beschäftigten wir uns 2005 nicht nur mit der Gasleitung. Auch sonst versuchte der punker natürlich seine Rolle in Rohrbach zu spielen.

Da gab es zum einen unsere vorgeschriebene Jahreshauptversammlung, bei der Renate Emer leider aus dem Vorstand ausschied. Nachfolger wurde Achim Stegemann. Willkommen Achim!

Es folgten die bereits traditionellen Veranstaltungen „Licht in der Dunkelheit“, das Stadtteilfrühstück und rorcultur.

Der Chor aus Licht in der Dunkelheit 2005

„Licht in der Dunkelheit“ stand diesmal unter dem Titel „Raum · Klang · Chants“. Es spielten Musiker aus der Elternschaft des Montessorivereins Heidelberg, darunter bekannte Heidelberger Größen wie Jutta Glaser, Christof Linhuber und andere. Der Erlös kam einem Kinder-Hilfs-Projekt an der IGH zgute, der „IG Bibi“, der Interessengruppe Bibliothek an der IGH. Das Rohrbacher Bermuda-Dreieck hatte 2004 unversehens die Stadtbücherei-Zweigstelle in der IGH verschluckt. Mit den Spenden aus dem Konzert 2005 (ca. 480 Euro) konnte die Arbeit der Initiative etwas erleichtert werden.

Besucher beim Stadtteilfrühstück

Der Himmel lachte wie meistens beim Vierten allgemeinen Stadtteilfrühstück am 20. Juni 2005. Viele Menschen kamen wieder, die Stimmung war gut, auch wenn eine Liveband diesmal fehlte..

Endlich ist der punker museal. Wurde aber auch Zeit – nach mehr als vier Jahren Vereinsgeschichte. Nun wurden wir mit einem Artikel im Jahrbuch der Geschichte der Stadt Heidelberg bedacht ...

Hans-Martin Mumm und mehrere Damen, eine lächelnd, eine gähnend, eine skeptisch blickend

Mit Geschichte hatte auch eine weitere Veranstaltung des punker im vergangenen Jahr zu tun: Gemeinsam mit dem Heidelberger Geschichtsverein führten wir im Juni eine Wanderung zum Mons Piri durch. Grund war u.a. ein Aufsatz von Klaus Schmich, erschienen im Heidelberger Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2003/04, der den seit Römerzeiten bekannten, geschichtsträchtigen Berg „mons piri“ in Rohrbach vermutete. Hans-Martin Mumm führte und erläuterte Details zu den im Wald sichtbaren Wällen. Festlegen wollte er sich aber nicht, so dass die Frage ob der mons piri tatsächlich in Rohrbach lag letztlich offen bleiben musste.

Max und Willi Widdernix , Qualm aus dem Blasinstrumnent

Da rorcultur nun auch schon fast Tradition ist, strömten die Massen am 3. Oktober wieder in den Ochsensaal. Zur Enttäuschung vieler war die Veranstaltung bereits frühzeitig völlig ausverkauft. Für diejenigen, die Karten ergattert hatten, wurde es ein unvergesslicher Abend. Max Nix und Willi Widder Nix, die durch die Show führten, hatten das Publikum im Griff und die Lacher immer auf Ihrer Seite. Die Liste der mitwirkenden ist so lang, dass sie hier nicht wiederholt werden kann. Interessierte sollten sich den Bericht mit vielen Fotos auf der punker-Website ansehen. Einziger Wermutstropfen: Das Jahr ist lang und der nächste 3. Oktober fern ...